Blog #1: 1 Jahr Dialogmoderation – Ein Rückblick aus Hamburg

Montagmorgen, kurz vor zehn, ein milder Sommertag. Ich betrete den Schulhof der Kurt-Tucholsky-Schule in Altona. Schon von weitem ruft Tolga mir zu „Eyyyy, Tinka! Wie geht’s?“, ich muss schmunzeln. Im Laufe des letzten Jahres hat sich hier viel geändert, zwischen den Schüler*innen und mir, in meiner Arbeit als Dialogmoderatorin, in unserer Gruppe, in mir selbst. Ich erinnere mich an den Beginn, nach der ersten Dialogstunde in der 8c war ich völlig fertig und sagte zu meinem Teamkollegen „oh war das furchtbar!“. Den Lautstärkepegel, das Chaos, die Unkonzentriertheit war ich nicht gewohnt. Auch die Diskussionskultur und der raue und oft beleidigenden Tonfall der Jugendlichen erschreckten mich zum Teil.

In meinem Uni-Alltag bin ich mit dieser Realität nicht konfrontiert. Dort sitzen wir in hellen, ruhigen Räumen und sprechen über die „Schüler und Schülerinnen mit Migrationsgeschichte“, über strukturellen Rassismus oder die Konstruktion von Andersartigkeit. Aber kennen tun wir die Menschen über die wir reden eigentlich nicht. Dies änderte sich für mich mit meiner Arbeit als Dialogmoderatorin. Jeden Montag traf ich nun Ömer, Kağan, Safiye und die anderen und wir sprachen über gesellschaftspolitische Themen, über Religion, Ernährung oder Identität. Auch das Interesse an dem aktuellen Tagesgeschehen war groß. So diskutierten wir beispielsweise viel über den sogenannten Islamischen Staat oder den Krieg in Syrien. Auch die Rolle des Islams in Europa interessierte die Jugendlichen sehr und es entstanden hitzige Diskussionen und viele Nachfragen wurden gestellt.

Gemeinsamer Austausch über das Gesehene
Gemeinsamer Austausch über das Gesehene

Während ich zu Beginn sehr deutlich spürte, dass die Kids mich häufig nicht Ernst nahmen und ich um ihre Anerkennung kämpfen musste, merkte ich später, dass sie langsam Vertrauen zu mir aufbauten. Ich lernte nicht nur unsere Jugendlichen im Laufe der Zeit kennen, sondern mit ihnen auch eine andere Realität, mit der ich sonst nicht in Berührung kam. Und auch sie lernte mich und meine Realität kennen. Durch unseren montäglichen Austausch erfuhren sie neue Dinge von mir und waren mit anderen Themen und Ideen konfrontiert. Als ich ihnen beispielsweise erzählte, dass ich Hühner halte und deren Eier esse, führte das erst zu Gelächter, dann aber zu sehr interessierten Nachfragen. Über Chaos und Lautstärke konnte ich im Laufe der Zeit besser hinwegsehen und mich über die Erfolge freuen, die wir mit unserer Arbeit erzielten.

Im Rahmen des Themas Ernährung beschäftigten wir uns beispielsweise mit Veganismus und luden eine Veganerin zu einem Vortrag zu uns ein. Die Diskussion danach war aufbrausend und intensiv. Viele hatten mit dem Thema noch nie etwas zu tun gehabt und fragten entsetzt nach; überrascht darüber, dass ein Leben ohne Fleisch überhaupt möglich ist. Von dem veganen Kuchen, der danach rumgereicht wurde, wollten dann doch nicht alle etwas probieren, einigen schmeckte er aber ganz gut. Wenn später im Feedback-Bogen dann der Satz stand: „Mir haben die Stunden gefallen, weil man hier frei seine Meinung sagen kann“, dann denke ich, dass wir mit unserer Arbeit etwas erreicht haben.

Q&A mit den Ausstellungsbetreuer*innen
Q&A mit den Ausstellungsbetreuer*innen

Ein weiterer Höhepunkt war mit Abstand die Abschlussfahrt nach Berlin. Die Jugendlichen selbst bekamen die Aufgabe, die Fahrt zu organisieren. So wurden Bustickets und mögliche Hostels rausgesucht, Elternbriefe geschrieben und Zeiten verabredet, die Woche drauf ging es los. Berlin – Alexanderplatz – Primark – Brandenburger Tor – Reichstag – Anne Frank-Ausstellung – Schoko-Döner. Auch wenn die Motivation für die Fahr vielleicht zu Beginn eine andere war, wirkte das Ergebnis dann letztendlich auf ganz verschiedenen Ebenen. Für viele das erste Mal in der Hauptstadt. Für viele ebenso ein Erlebnis der Selbstwirksamkeit und Horizonterweiterung: „Ich kann selbst etwas anpacken und organisieren, was wir dann gemeinsam umsetzen.“ Ein Erlebnis von Gruppenzusammenhalt und Engagement.

Zeit zum selber Erkunden der Ausstellung
Zeit zum selber Erkunden der Ausstellung

Am meisten von der Fahrt ist mir jedoch folgende Szene in Erinnerung geblieben: Wir kommen auf der Brücke in Berlin an einem Obdachlosen vorbei, der eine kleine Schüssel vor sich hat und um Geld bittet. Ich gehe in diesem Moment zufällig neben Mostafa, einem unserer Schüler, der aus Afghanistan kommt. Seit 1,5 Jahren ist er allein, ohne Familie in Deutschland und seit ein paar Monaten in der Klasse. Er bleibt stehen, kramt in seiner Hosentasche, holt 50 Cent hervor und gibt sie dem auf dem Boden sitzenden Mann. Ein anderer Schüler lacht und sagt, das sei aber wenig, was er geben würde. Mostafa erwidert daraufhin: „Weißt Du, ich bin nicht arm, ich bin nicht reich, 50 Cent ändern daran nichts. Die kann ich ihm also auch geben.“
Die Großherzigkeit, der ich in dem Moment begegnet bin, von einem so jungen Menschen, der bestimmt keine leichten letzten Jahre hatte und auch nicht viel Geld haben wird, hat mich tief beeindruckt. Daran denke ich in stressigen Situationen während anderer Dialogstunden zurück und rufe mir in Erinnerung, wie viel Unbekanntes und Großes noch in diesen Jugendlichen steckt.

Tinka Greve
Dialogmoderatorin in Hamburg

Alle Meldungen